Glanz der Kalifen
Vergessene Islamische Kultur

Vielleicht klingt unser Titel ein wenig nach Tausendundeiner Nacht. Doch existierte der uns bekannte Märchen-Kalif Harun Ar-Raschid, der im 18. Jahrhundert von Bagdad aus sehr real ein Riesenreich regierte. Er gehörte zur abbasidischen Herrscher-Dynastie, welche einen weitreichenden kulturellen Aufstieg mitbestimmte.

In Europa ist das morgenländische Erbe weitgehend in Vergessenheit geraten. Allzu viel Zeit ist vergangen, seit im 13. Jahrhundert die Mongolen die islamische Kultur zerstört haben – unter der nachfolgenden Türkenherrschaft blieb nur eine über vier Jahrhunderte dauernde Stagnation.

Seit dem Mittelalter war das abendländische Denken von den Kreuzfahrern beeinflusst, welche uns die Araber als Barbaren und fanatische Christenverfolger geschildert haben. Und doch gab es zur Kalifenzeit auch ausgesprochen gute Beziehungen zwischen Morgenland und Abendland. Beispielweise zwischen Harun Ar-Raschid und Karl dem Grossen – oder denken wir an die Normannenfürsten Süditaliens, vor allem an den Staufen-Kaiser Friedrich II., der Arabisch sprach und Verbindungen zu den gelehrten Fürsten von Jerusalem und Cordoba unterhielt.

Als der Prophet Mohammed zu Beginn des siebenten Jahrhunderts die heidnischen Bewohner von Mekka und Medina zum Glauben an einen einzigen Gott bekehrte, konnte er von der kommenden gewaltigen Verbreitung dieser dritten monotheistischen Weltreligion noch nichts geahnt haben. In den Wüsten Arabiens schlummerten gewaltige unverbrauchte Kräfte und die einigende Idee des Islam wurde zu einem Feuer, welches über die Steppen Asiens brauste. Nachdem Mohammed 632 in Medina gestorben war, haben seine Nachfolger, die Kalifen, in einem knappen Jahrhundert die riesigen Gebiete zwischen Atlantik und Indus erobert.

In der Schule erfuhren wir, dass der Islam mit dem Schwert verbreitet worden sei – im Zusammenhang mit Verfolgung von Juden und Christen – ein verhängnisvolles Missverständnis. Obwohl Eroberungen mit der Waffe geführt wurden, galt für den Moslem die Ermahnung zur Toleranz.

Noch existieren Dokumente – Verträge aus den damals eroberten Gebieten Syrien und Palästina – Andalusien und Sizilien, worin den Besiegten Religionsfreiheit garantiert wurde. Der Kalif war auch nicht unbedingt an der Bekehrung Andersgläubiger zum Islam interessiert – denn jeder Nicht-Moslem hatte eine Grund- und Kopfsteuer zu bezahlen – ein Einkommen, welches für Verwaltung und Besoldung der Armee benötigt wurde.

Islam bedeutet «Hingabe an Gott», Moslem – der «Islam-Gläubige». Wir Christen gelten lediglich als «Nicht-Islam-Gläubige». Viele Propheten des Alten Testamentes sind auch im Koran erwähnt. Auch Jesus wird als Issa, als letzter Prophet vor Mohammed, von den Moslems verehrt.

Im Zusammenhang mit den Eroberungen erfahren wir, dass den Kalifen nicht unbedingt nach Goldschätzen gelüstete – er befahl seinen Feldherren: «Bringt mir Bücher!». Auf diese Weise sind im 8. Jahrhundert schon fast verschollene griechische Manuskripte nach Bagdad gelangt – wurden zunächst ins Arabische und später ins Lateinische übersetzt. Hier beginnt das Werk der Araber.

Denn es ging nicht allein um Übersetzen und Weitergeben. Alles, was in diesen Büchern stand, wurde von den Gelehrten am Kalifenhof aufmerksam geprüft – verworfen oder ergänzt und schliesslich mit Genie und unerhörter Schaffenskraft weiterentwickelt.

Die grossen Astronomen – es sind deren 534 bekannt – verfügten über ausgezeichnete Sternwarten und verglichen ihre Messungen mit den Observatorien von Damaskus, Bagdad und Gundischapur, damit ihnen keine Fehler unterliefen. Ihre Werke behielten an den Universitäten Europas noch lange Gültigkeit.

Mit den aus Indien übernommenen Zahlen haben arabische Gelehrte die Mathematik entwickelt, der ja erst durch das Dezimalsystem (zifr – arabisch Null) weitere Möglichkeiten gegeben waren. Auch Algebra ist ein arabisches Wort: Al-Qabr heisst Gleichung.

Die medizienischen Erkenntnisse der grossen Griechen Galen und Hippokrates wurden von den Ärzten zu Bagdad aus der Theorie in Praxis umgesetzt und durch weitere Forschung an den für damalige Zeiten hervorragenden Polykliniken und Spitälern auf den höchsten Stand gebracht. Auch medizinische Fachbücher kamen über Andalusien nach Europa. Im Auditorium Maximum der Sorbonne Paris hängen die Bildnisse der beiden grossen Ärzte des Morgenlandes Rhases und Avicenna.