Helen Keiser (27. August 1926 in Zug – 20. Dezember 2013 in Zug) war eine Schweizer Schriftstellerin, Malerin und Fotografin. Zwischen 1950 und 1990 war Helen Keiser rastlos unterwegs in allen arabischen Ländern und hatte in den 70er- und 80er-Jahren den Ruf, eine der profundesten Kennerinnen dieser Region zu sein. Sie war eine aussergewöhnliche Frau, die es als eine der ganz grossen Reisenden des 20. Jahrhunderts zu entdecken gilt 1.

Leben, Reisen und Wirken

Helen Keiser, geboren in Zug als Kind einer Lehrersfamilie, zwei Geschwister. Mit dreieinhalb Jahren auf die Ski gestellt und fast ebenso früh vom Vater auf Bergtouren und Flussfahrten mitgenommen, wo es nur Zelt- oder Strohlager und auf dem Holzfeuer gekochtes Essen gab. Die Reisebegeisterung und die Freude am einfachen Leben hatte sie von ihrem Vater, so Helen Keiser2. Jugend und Schulen in der Heimatstadt. Früher Hang zum Schreiben. Interesse für Kunst, Geschichte und Archäologie.

«Bei uns zu Hause wurde viel gelesen, der Bücherschrank stand immer offen, nichts war verboten. Dort fand ich auch die grossen Reisebeschreibungen, die mein Leben später so stark prägen sollten. Viel Zeit zum Lesen hatte ich damals allerdings nicht, denn wir mussten nach der Schule oft in unserem Garten helfen»3.

1942 Kunstgewerbeschule in Zürich. Praktika als Graphikerin und Dekorateurin in Zürich, Genf und St. Gallen. Nebenbei immer geschrieben und davon geträumt, etwas zu erleben und zu beschreiben.

1948/49 Erste Studienreise: Italien, Frankreich, Spanien, Nordafrika.

1951 Segeltörn Korsika4.

1952 Kunsthistorische Studienreise (Ecole du Louvre Paris) in die östlichen Mittelmeerländer Libanon und Syrien sowie die Türkei und Griechenland. Dieser erste Kontakt mit dem Orient wird wegweisend5.

Von den Eltern komme sie nicht, ihre Begeisterung für den Orient. Die hätten es mehr mit dem Norden gehalten. Der Anblick der Wüste habe Helen Keiser sogleich gepackt. «Davon bin ich nie mehr losgekommen!». Ihr war klar: «Ich muss zurück und Geld verdienen, um bald wieder hinfahren zu können»6.

1954 Nach zwei Jahren Sparen wird gemeinsam mit einer Freundin der «Landweg nach Indien» – Sven Hedin – verwirklicht. Zwölf Monate unterwegs durch den Libanon, Syrien, Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Indien und Sri Lanka. Nicht Politik und Wirtschaft interessieren die beiden, nein, «vielmehr die menschlichen Eigenschaften, die Lebensweise, überhaupt das persönliche Erleben von Landschaft und Kultur, Kunst und Religion war immer unser Ziel», so Helen Keiser7.

Erste journalistische Tätigkeit. Reiseberichte mit einzigartigen Fotos erscheinen in der Schweizer Fotoillustrierten «Die Woche» sowie in weiteren Zeitschriften.

1956 Marokko wird zum Test fürs Alleinreisen; zu den Königsstädten und in den Hohen Atlas, Djebel Toubkal (4165 m. ü. M). Fotoreiseberichte für «Die Woche».

1957 Helen Keiser schreibt für den Walter-Verlag ihr erstes Buch «Salaam. Bordbuch einer Orientfahrt». «Als ich mein erstes Manus los war und 3000 Franken in der Hand hielt, hängte ich meinen Beruf an den Nagel und war fortan freie Schriftstellerin». Die Freiheit wollte bezahlt werden. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, verfasste Helen Keiser Reiseberichte, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge6.

Ihr Vater hätte sie lieber in einem sicheren Brotberuf gesehen, aber Helen Keiser wollte es anders. «Heiraten und Hausfrau werden, oder reich und berühmt – das war nicht mein Ziel. Ich wollte die Freiheit»6.

England – Archäologie Studien4

Reise nach Libanon, Syrien und Irak. Erste Kontakte mit Archäologen im südlichen Zweistromland. Zu den Ruinen von Ur, Uruk, Nippur und Babylon. Reportagen über den Bau von Staudämmen in Samarra und Kurdistan5.

Der Orient wird zur Bestimmung, Schreiben und Malen zur Notwendigkeit. «Ich wollte nicht reisen, um darüber zu schreiben, ich wollte nicht schreiben, um die Reisen zu finanzieren. Ich wollte erleben und aus dem Erlebten etwas machen, es weiter vermitteln»8.

Freischaffend und allein reisend, zumeist mehrere Monaten lang. Längere Aufenthalte im arabischen Raum. Studien von Sprache und Volkskunde sowie Teilnahme an archäologischen Expeditionen (Irak und Jordanien). Leben in Dörfern und mit Beduinen in der Wüste3.

Als freie Schriftstellerin und Journalistin führt Helen Keiser ein karges Dasein. Oftmals weiss sie nicht, wovon sie im kommenden Monat leben wird. Auf der anderen Seite hat sie Zeit. Das ist ihr Reichtum8.

Helen Keiser begegnet vor allem einer überraschenden Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. «Ich kam als Reisende und kam allein. Wer allein ist, hat bei den Arabern Anrecht auf Hilfe.» Und auch als Frau wird sie nicht nur mit Respekt behandelt, sondern ihr wird, eben weil sie alleine ist, die Gastfreundschaft zuteil, die man sonst dem Mann zukommen lässt9. Die Leute seien auf sie zugegangen. Als goldener Schlüssel habe sich ein Journalistenausweis erwiesen, überschrieben mit «sahaye» – arabische für: «der die Wahrheit schreibt», also Journalist6.

In der Wüste lebt Helen Keiser mit den Nomaden in den schwarzen Zelten, wo sie abends auf dem Ehrenplatz des Gastes alte Geschichten und Poesie zu hören bekommt. Sie erlebt Sandstürme, Überfälle, Trockenzeiten, sieht auch das harte Los der Fellachen, die mit primitivsten Mitteln ihre Felder bestellen10.

Als Frau darf sie auch Einblick in das Alltagsleben der Frauen nehmen. Es gelingt ihr, tief in das Wesen dieser Menschen einzudringen. Auf weiten Kamelritten gewinnt sie die Freundschaft und das Vertrauen der Beduinen. Aus monatelangen Reisen werden Jahre. «Mich faszinierte, dass dieses Volk diese menschenunfreundliche Welt der Wüste mit all ihren Entbehrungen bewältigen kann und dennoch Stolz und Heiterkeit bewahrt», so Helen Keiser. Trotz ihrer Verbundenheit und Liebe zum Land hat Helen Keiser aber nie mit dem Gedanken gespielt, sich im Orient niederzulassen. Sie ist bewusst Europäerin geblieben.

1958 Erscheint das erste Buch «Salaam. Bordbuch einer Orientfahrt» (Illustrationen und Fotos von Helen Keiser).

Ausstellung von Aquarellen und Ölkreidebildern.
Reise nach Libanon, Syrien, Irak, Kuwait und Türkei. Ausgrabungen in Südmesopotamien. Während eines Monats- Wanderung durch Korsika4.

1959 Beginn von Sprachstudien in Damaskus. Erkundigungen in Syrien. Anschliessend mehrere Monate in Königreich Jordanien. Besuche in Jerusalem und Petra und Empfang durch König Hussein. Konfrontation mit dem Palästina-Problem in den Flüchtlingslagern5. Fotoberichte, Publikationen.

1961 Erscheint das zweite Buch «Vagabund im Morgenland» (Illustrationen und Fotos von Helen Keiser). «Wir können Westen und Osten nicht zusammenbringen. Trotzdem gibt es eine Brücke über Bosporus: der Versuch, die Eigenart des anderen zu verstehen», schreibt Helen Keiser. «Das aus den Erinnerungen an zwei Reisen in den Nahen Osten hervorgegangene Werk zeigt den Weg der Autorin zu diesem Verstehen zu gelangen. Er gründet auf dem Mut, sich vorurteilslos in den Strom des Lebens zu stürzen und aus dem eigenen Erleben die fremde Wirklichkeit begreifen und lieben zu lernen, im Wagnis, also, den gesicherten Käfig der geführten Touristengesellschaft zu verlassen und sich allein dem ewigen Verlangen anheim zu gehen, zu «wissen, was hinter den Bergen liegt»11.

1961/62 Jordanien, zehn Monate Studien in Petra und Jerusalem. Mit Beduinen in der Wüste unterwegs. Einladung der deutschen Expedition im Irak zur Teilnahme an den Ausgrabungen von Uruk-Warka, der biblischen Stadt Erech. Wird zum tiefgreifenden Erlebnis sumerisch- babylonischer Geschichte5.

1962- 1988 Jährliche Vortragsreisen durch Deutschland. Lichtbildvorträge in der Schweiz und in Österreich. Reportagen über Geschichte, Archäologie und Brauchtum, Radioberichte. Ihre Fotos erscheinen in Fotobänden und in renommierten Zeitschriften wie «Atlantis» oder «DU»4.

Einzelausstellungen
«Bleistift- und Aquarellskizzen, an Ort und Stelle ausgeführt, bilden zumeist die Grundlage zu vertieften Malwerken, die hernach im Atelier in Zug entstanden sind, eine Art erweiterte Illustrationen zu ihren Büchern über Orient, über die stille, manchmal melancholische Landschaft, über die von dieser Landschaft geprägten Menschen»12.

1964 Reise nach Hadramaut Jemen, Saudi Arabien (als Gast des Königreiches und von König Feisal in Audienz empfangen) und Irak; nimmt in Ausgrabungen in Mesopotamien teil4.
Erscheint das Buch «Sie kamen aus der Wüste. Mit Beduinen auf die Spuren der alten Nabatäer. Erlebnisse und Entdeckungen in Petra» (Illustrationen und Fotos Helen Keiser).

1966 Reise über den Libanon, Syrien und Jordanien nach Irak, Rückreise über die Türkei und den Balkan.

1967/68 Nach dem Sechstagekrieg mehrmals in Jordanien zwecks Dokumentation und Gesprächen über das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge in den verschiedenen Lagern am Rand der Wüste5.
«Die Menschen interessieren mich mehr als die Politik.» Dies gilt auch für die Bücher und Texte von Helen Keiser. Die Menschen, ihre Lebensgewohnheiten, ihre Gefühle und ihr Denken stehen im Vordergrund. «Ich kann dadurch den Lesern in Europa viel mehr von den Ländern Arabiens vermitteln, als wenn ich über Politik schreiben würde.»9

«Das Hauptanliegen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist auch, das Verständnis für eine grösstenteils unbekannte und oft unverständliche Lebensart zu wecken sowie das kulturelle und folkloristische Brauchtum der Nomaden, die auf Wunsch der meisten arabischen Regierungen in fest zugeteilten Dörfern angesiedelt werden sollen, in Wort und Bild festzuhalten und der Nachwelt zu überliefern.»13

1969-1970 Reise nach Kuwait, Oman, Jemen, Irak, Syrien, Ägypten4.

1971 Erscheint das Buch «Arabia. Die Länder der arabischen Halbinsel» (Fotos Helen Keiser).
Nach grossen Schwierigkeiten mit Verlagen erscheint als fünftes Buch «Geh nicht über den Jordan. Schicksal Palästina», die Tragödie eines vertriebenen Volks.

1972/74 Mehrere Reisen im südarabischen Raum: Jemen, Hadramaut, Oman und Saudi-Arabien zur Erkundigung der Ruinen sabäisch-himyaritischer Kulturen entlang der antiken Weihrauchstrasse5.

1975- 1983 Zahlreiche Buchveröffentlichungen

1975- 1990 Jährliche Führung einer Studienreise in den Libanon, nach Syrien, Irak, Jordanien, Jemen oder Oman4.

1976 Erneut mehrmonatiger Aufenthalt im Sultanat Oman, einem bisher verschlossenen Land altarabischer Tradition, isoliert zwischen dem Indischen Ozean und dem Sandmeer der Wüste Rub´al-Khali5.

1977 Reise nach Syrien

1983 Anerkennungspreis des Kantons Zug für ihr Gesamtwerk als Beitrag zur Völkerverständigung.

1995 Erscheint das Buch «Die Oase». Helen Keiser beendet nach 13 Büchern ihre Tätigkeit als Publizistin.

1998 «Salaam. Helen Keiser – Nomadin aus dem Abendland», Videoporträt von Christoph Kühn.

2002 Fotoausstellung «Salaam. Der fotografische Schatz von Helen Keiser aus dem verschwundenen Arabien». Das Völkerkundemuseum Zürich übernimmt einen Teil des fotografischen Werks der Schriftstellerin. Über Dutzende von Jahren beobachtete Helen Keiser mit der Kamera den Alltag ihrer Wahlheimat und schuf so die faszinierende Dokumentation einer märchenhaften, verschwundenen Zeit – ein bebildertes Gedächtnis Arabiens an einem historischen Wendepunkt1.

2003 Letzte Ausstellung, Aquarell- und Acrylbilder. «Mein Zentrum waren die Wüste und die Menschen in der Wüste, ich wollte noch einmal zeigen, es war kein Zufall, ich liebe diese Menschen», so Helen Keiser4.
Reise nach Damaskus zur Eröffnung der Fotoausstellung «Salaam» im syrischen Nationalmuseum. Fahrt nach Palmyra.

2006 Trans Sibirien Reise: Moskau- Baikalsee- Mongolei, Begegnung mit Nomaden in der Wüste. Rückreise über Peking.

2007 Reise nach Sofia und Plovdiv, ein weiteres Buch ist auf bulgarische Sprache erschienen.

2008 Reise nach Istanbul, Fahrt über den Bosporus4.

«Helen Keiser  bereiste, kennenlernte und erforschte während mehr als vier Jahrzehnte die Arabischen Länder von Libanon und Syrien bis Saudi Arabien, Oman und Jemen. Sie plädierte leidenschaftlich und unermüdlich für Verständnis und Respekt zwischen Orient und Okzident.

Der Wandel ganzer Gesellschaften, die Aufgabe von uralten Traditionen zugunsten eines modernen, westlichen Lebensstandards beschreibt Helen Keiser in ihren Büchern immer wieder. So stellen einerseits ihr literarisches Schaffen und die Artikel, welche Helen Keiser in gut 50 Jahren geschrieben hat, anderseits die zahlreichen Vorträge, die sie auch jenseits der Schweizer Grenzen gehalten hat, Dokumente dar, die als zeitgeschichtliche Quelle von besonderem Wert sind.»9

Auszeichnungen

1983 Anerkennungspreis des Kantons Zug für das Gesamtwerk Helen Keisers als Beitrag zur Völkerverständigung.

Quellen:

1 Christoph Kühn: Einladung – «Salaam. Der fotografische Schatz von Helen Keiser aus dem verschwundenen Arabien». Eine Ausstellung in der Helferei, Zürich, der Altstadthalle, Zug und der Galerie Schmukuku, Zug, Juni bis Juli 2002
2 Biografische Stichworte über und von Helen Keiser. In: Sie kamen aus der Wüste. Mit Beduinen auf den Spuren der alten Nabatäer. Erlebnisse und Entdeckungen in Petra. Walter-Verlag, 1964
3 Irene Grüter: Von Norden fasziniert, nach Süden gereist. Interview in der Zuger Presse, 26.7.2002
4 Eigene Angaben
5 Christoph Kühn (Hrsg.): Biografie von Helen Keiser. In: Helen Keiser. Salaam. Verschwundenes Arabien. Fotografien und Texte. (S.133)
6 Adrian Hürlimann: Die Zuger Reiseschriftstellerin Helen Keiser feiert ihren 70. Geburtstag, «Bin nicht mutig, nur neugierig». Interview in der Zuger Presse, 23.8.1996
7 gh. : Helen Keiser signiert in Zug. Bericht in: Vaterland, 6.7.1963
8 Konrad Tobler: Das Hohelied auf die Beduinen. Interview in: Zeitung im Espace Mitelland, 16.7.2002
9 Ronald Schenkel: Nur in Büchern noch lebt der Beduine. Interview in: Neue Zuger Zeitung, 23.8.1996
10 VBG. : Helen Keiser am Vortragspult. Rezension in: Die Tat, 17.3.1965
11 K. Gy.: «Vagabund im Morgenland». Rezension in: Die Tat, Nr. 33 – 1961
12 AS. : Impressionen aus Wüstenländer. Rezension in: Zuger Nachrichten, 11.9.1981
13 kfm. : Ihre Liebe gehört dem Orient und dem Brauchtum der Nomaden. Morgenländische Dialoge aus der Feder der Zugerin Helen Keiser. Bericht in: LNN, 21.5.1975

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