Götter und Könige
im alten Zweistromland

Wenn es um grosse geschichtliche Vergangenheit geht, denken wir an Rom, Griechenland und Ägypten. Doch über Mesopotamien haben wir in der Schule noch wenig erfahren.

Dort im alten Land der beiden Ströme Euphrat und Tigris begann die wissenschaftliche Spatenforschung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem grossen deutschen Archäologen Robert Koldewey, dem Briten Sir Leonard Woolley und dem Amerikaner Hilprecht.

Mit den Ausgrabungen von Babylon und Ur in Chaldäa gelangten legendäre biblische Städte ins Licht der Wirklichkeit. Ging es doch jenen Ausgräbern weniger um die Suche nach verborgenen Schätzen unter dem Wüstenboden, als um behutsames Forschen nach den Spuren frühester Zivilisation – nach den Wurzeln unserer Kultur.

Lehmhügel sind keine Pyramiden und die sumerischen Tempel und Paläste bestanden nicht aus Marmor, sondern nur aus ungebrannten Lehmziegeln. Von aussen besehen also nicht spektakulär – jedoch unerhört faszinierend.

Wir haben Abraham aus der Bibel geholt, damit er uns ins ferne Zweistromland – nach Ur in Chaldäa führe. Seiner Spur wollen wir folgen – zurück durch die Jahrtausende. Noch streiten sich die Gelehrten über diese Gestalt – ob Ibrahim Halil Abdurrahaman wirklich ein Sesshafter in der Hafenstadt Ur gewesen sei – oder ein Hirt, der mit seiner Herde durch die Steppe zog…?

In jener Zeit findet der für die Geschichte bedeutsamste Wandel statt: der allmähliche Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit. Damit beginnt die Zivilisation. Sobald die Menschen siedeln – sähen, ernten und Häuser bauen – ändern sich sowohl Lebensweise wie religiöse Vorstellungen.

Für die Götter werden Opferplätze errichtet und schliesslich Tempel und Türme gebaut. Eine Siedlung muss organisiert und verwaltet werden. Das Dorf wird zur Stadt und aus den grossen Städten Mesopotamiens entwickeln sich theokratische Stadtstaaten wie später in Griechenland. Der einstige Hirt und Stammesführer wird zum König.

Die eigentliche datierbare Geschichte konnte ja erst mit der Erfindung der Schrift beginnen – gegen Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends. Frühere Epochen wurden nach Schichten und mit Hilfe der Keramik eingestuft.

Zu den wertvollen Schrift-Dokumenten gehören auch die berühmten Königslisten – wobei den Philologen allerdings manche Rätsel aufgegeben wurden: Hiess es doch da, dass ein König Enmenduranna von Sipar nicht weniger als 21 000 Jahre geherrscht habe – und ein anderer, Alagar von Eridu, sogar 36 000 Jahre! Erst Epos-Held Gilgamesch, Stadtkönig von Uruk, begnügte sich mit 126 Jahren. Es handelte sich um die sogenannten Könige vor der Flut.

Abgesehen von den verwirrenden astronomischen Zahlen, die in keine Zeitrechnung passen wollten, galt es, die Könige nicht aneinander zu reihen, sondern nebeneinander zu setzen. Wie weitere Schriftfunde bewiesen, hatten manche Dynastien gleichzeitig bestanden – mit Königen kleiner Stadtstaaten wie Uruk, Sipar, Nippur, Lagasch und Ur.

Sumer im südlichen Mesopotamien wurde von weiteren Reichen Akkad, Babylon und Assur im Norden abgelöst. Damit wächst vor unseren Augen der legendäre fruchtbare Halbmond, welcher sich vom Zweistromland über die Mittelmeerküste weiter westwärts nach Ägypten schwingt – wo eine andere grosse Kultur ihren Anfang nahm.